Kindergartenkinder: Schmerzstärke lässt sich kaum messen

(sra) Schon die kleinsten Kinder können starke Schmerzen erleiden. Da sich die Wahl der Arzneimittel und der Dosis immer an der Schmerzstärke orientieren sollte, ist die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung die Ermittlung der Schmerzintensität. Bei Erwachsenen geschieht dies mit Hilfe einer visuellen Analogskala (VAS). Kinder sind damit jedoch überfordert.

Die VAS ist nichts anderes als ein Lineal, mit dessen Hilfe Patienten ihre aktuelle Schmerz-empfindung zwischen den Werten „kein Schmerz“ und „stärkster Schmerz“ einschätzen sollen. Auf der Rückseite des Lineals kann die vom Patienten eingeschätzte Schmerzstärke in eine Zahlenskala von 0 (schmerzfrei) bis 10 (stärkste vorstellbare Schmerzen) abgelesen werden. Während die VAS für Erwachsene ein entscheidendes Hilfsmittel darstellt, ist diese Form der Schmerzbeschreibung für Kinder viel zu abstrakt.

Deshalb wird fünf- bis neunjährigen Schulkindern die Analogskala in veränderter Form angeboten: Statt der Einschätzung von „kein Schmerz“ bis „stärkster Schmerz“ sind auf der Patienten-Seite des Lineals Gesichter abgebildet, die je nach Schmerzstärke „neutral“ bis „schmerzverzerrt“ aussehen. Mit Hilfe der Mimik soll den Kindern die Zuordnung ihrer eigenen Beschwerden erleichtert werden. Dass die Skala für diese Altersgruppe tauglich ist, wurde in Untersuchungen bewiesen: Dabei erhielten die Kinder Bilder von anderen Kindern in verschiedenen Schmerzsituationen zur Beurteilung. Darunter waren Abbildungen von Kindern beim Spielen (kein Schmerz) und solche, auf denen sich beispielsweise ein Kind die Hand an der heißen Herdplatte verbrannt hatte. Die Fünf- bis Neunjährigen mussten dann beurteilen, wie stark die Schmerzen der Kinder auf den Bildern sind.

Doch lässt sich diese Skala bereits bei jüngeren Kindern zuverlässig einsetzen? In einer aktuellen kanadischen Studie mit Kindergartenkindern zwischen drei und sechs Jahren konnte gezeigt werden, dass diese Altersgruppe mit der „„Schmerz-Gesicht-Analogskala“ deutlich überfordert war. Die Dreijährigen Kinder schätzten 60 Prozent aller Schmerzsituationen falsch ein. Bei den Sechsjährigen waren noch etwa 40 Prozent der Zuordnungen falsch. In-nerhalb der Altersgruppen war es unerheblich, wie weit die Kinder sprachlich oder geistig entwickelt waren.

Für die kleinsten Schmerzpatienten bleibt daher festzuhalten: Es gibt bislang keine erfolgreiche Methode zur genaueren Bestimmung der Schmerzstärke. Die Behandlung von Kindergartenkindern erfordert daher viel Fingerspitzengefühl von Eltern, Ärzten und Pflegepersonal.

Quelle:
E.A. Stanford et al. : The role of developmental factors in predicting young children’s use of a self-report scale for pain. Pain 120 (2006) 16-23

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